Diskriminierung hat viele Gesichter: Wir bieten Betroffenen qualifizierte Beratung und Unterstützung
Frage: Vor wenigen Tagen hat ein BGH-Gerichtsurteil in einem Diskriminierungsfall deutschlandweit für Aufsehen gesorgt, als ein Immobilienmakler einer Frau mit ausländisch klingendem Namen keinen Wohnungsbesichtigungstermin gegeben hatte. Die gleiche Frau erhielt jedoch unter einem falschen, Deutsch klingenden Namen mit ansonsten identischen Angaben eine Einladung zur Besichtigung der Wohnung. Hat Sie dieser Vorfall überrascht?
Fatima Abboud: Mich überrascht leider nichts mehr. Diskriminierung ist in vielen Bereichen des Lebens an der Tagesordnung und die Stimmung allgemein ist ablehnender gegenüber Fremden geworden. Mich erreichen jede Woche mehrere Fälle von Diskriminierung.
Frage: Können Sie ein paar Beispiele aus ihrer Arbeit nennen?
Fatima Abboud: Wo soll ich anfangen… Da wäre ein junger Mann aus Nordafrika, der eine Ausbildung macht und ein Dokument unterschreiben sollte, das seine Probezeit verlängert - einfach so ohne jegliche Erklärung. Als er wissen wollte, was er denn falsch gemacht habe, wurde sein Vorarbeiter sauer und sagte, er brauche Montag nicht wieder zu kommen. Als er dann nach dem Wochenende unterschreiben wollte, seine Probezeit zu verlängern, hat man ihm die Kündigung vorgelegt, anstatt die Probezeit zu verlängern. Gründe wurden ihm nicht genannt.
Oder der technische Mitarbeiter mit Migrationsgeschichte, der viele Jahre ohne Beanstandungen in einem Betrieb gearbeitet hatte. Doch als ein neuer Vorgesetzter kam, wurden dem Mann Fehler vorgeworfen, die aber nie nachgewiesen wurden. Wir können immer nur das wiedergeben, was uns die Klienten erzählen, aber dieser Mann klang schon glaubwürdig, dass man ihn da nicht mehr haben wollte. Das belastet den Mann sehr. Wir haben den Fall an die Rechtsabteilung in Dortmund abgegeben, die nun eine Beschwerde an den Arbeitgeber schreiben wird.
Frage: Das sind beides Fälle aus dem Berufsleben - dort hört Diskriminierung aber nicht auf, oder?
Fatima Abboud: Nein, Diskriminierung findet in allen möglichen Bereichen unserer Gesellschaft statt, sei es Altersdiskriminierung oder Frauendiskriminierung, oder auch ein Beispiel aus dem Alltagsleben. Zu mir kam ein junger Mann, der aus einem Fitnessstudio geworfen wurde. Dieser Mann macht aus seiner Homosexualität kein Geheimnis. Er kann sich nicht gut artikulieren und hat eine leichte Sehbehinderung, er schielt. Und dann hat ihm das Fitnessstudio seine Mitgliedschaft fristlos gekündigt, weil er angeblich einen anderen Mann in der Umkleide angestarrt hat. Er würde andere Männer belästigen, und jemanden wie ihn brauche man dort nicht. Das ist ein Fall von Diskriminierung wegen sexueller Orientierung und körperlicher Behinderung. Aber er möchte jetzt nicht rechtlich dagegen vorgehen, sondern einfach seine Mitgliedschaft nicht verlieren. Ich finde das so ungerecht.
Frage: Wie können sie Menschen helfen, die zu ihnen kommen?
Fatima Abboud: In unserer Servicestelle ADA bieten wir Betroffenen einen geschützten Raum, um über das Erlebte zu sprechen und Klarheit über ihre Anliegen zu gewinnen. Wir erarbeiten gemeinsam Handlungsmöglichkeiten und unterstützen sie, sich gegen Diskriminierung zu wehren und ihre Rechte einzufordern. Bei manchen legen wir Beschwerde ein, andere leiten wir zur Rechtsberatung weiter. Wir bieten auch an, Betroffene zu bestimmten Terminen zu begleiten.
Frage: Was raten sie Betroffenen generell?
Fatima Abboud: Sie sollten solche Vorfälle nicht einfach hinnehmen, sondern das Problem klar ansprechen und sich Hilfe holen. Durch Schweigen wird es nicht besser. Wir versuchen, Betroffenen zu helfen, damit klarzukommen und auch Schritte dagegen anzugehen. Aber der Kern des Problems kommt ja aus der Gesellschaft. Wir können Diskriminierung leider nicht einfach abschaffen. Aber wir können sie ins Bewusstsein der Menschen rücken. Und wir können Vorurteile bekämpfen. Denn Diskriminierung und Ausgrenzung finden häufig aufgrund von Vorurteilen statt, die irgendwie verankert sind.
Frage: Wie können Sie konkret gegen Vorurteile vorgehen?
Fatima Abboud: Zum Beispiel schaffen wir Begegnung durch gemeinsame Projekte unserer Integrationsagentur, bei denen sich viele tolle Ehrenamtliche engagieren. In unserem Sprachcafé oder bei interkulturellen Festen, Nähprojekten oder bei gemeinsamen Kochkursen bringen wir verschiedenste Menschen zusammen. So können sich unterschiedliche Kulturen besser kennenlernen. Dabei werden oft Vorurteile und auch Barrieren bei allen Beteiligten abgebaut.
Frage: Wie bewerten Sie persönlich das aktuelle Urteil des BGH im Fall des Immobilienmaklers?
Fatima Abboud: Viel wichtiger als die Bestrafung eines einzelnen Menschen ist die Öffentlichkeitswirkung. Durch dieses Urteil rückt das Problem der Diskriminierung ins allgemeine Bewusstsein. Und das ist sehr gut. Aber wir müssen ganz klar sagen, dass viele solcher oder ähnlicher Fälle jeden Tag in Deutschland passieren. Ich würde mir wünschen, dass dieses Thema stärkere Beachtung findet. Diskriminierung beginnt oft im Kleinen, und häufig ist es Menschen gar nicht bewusst.
Kontakt: Antidiskriminierungsstelle ADA im Caritasverband für den Kreis Soest. Fatima Abboud, Telefon: 02921 35901451, E-Mail: ada@caritas-soest.de
